Was macht eine gute Geschichte aus? (Storytelling 3)

"Es war einmal ein reicher Rancher, der für seinen Geiz und seine Gier sehr bekannt war. Seit Jahren herrschte Dürre und die Bevölkerung des Landes litt sehr. Neben dem Grundstück des Ranchers befand sich eine Siedlung mit Kleinbauern. Sie waren sehr in Not, zumal der Rancher das Wasser des nahen Flusses für seine Felder und Tiere abgeleitet hatte. Eines Tages kletterte einer der Bauern über den Zaun. Seine Kinder hatten schon Tage nichts gegessen. In seiner Verzweiflung wollte sich der Mann ein Huhn stehlen. Er wurde jedoch vom Aufseher gefasst und dem Rancher vorgeführt. Dieser fällte, ohne auch nur auf den armen Menschen zu hören, das Urteil: "Hängt ihn! Das wird ihm eine Lehre sein!" Dieses Urteil sollte er noch ein paar Mal fällen, wenn verzweifelte Menschen versuchten, ihm etwas wegzunehmen.

Es kam der Tag, wo der Rancher starb. Am Himmelstor angelangt überkamen ihn Zweifel. "Habe ich auch ein gutes Leben geführt?", dachte er sich. Und mit Abstand (quasi aus einer höheren Sicht) erkannte er seinen Geiz, seine Sturheit und die Schwere seiner Taten. Als Petrus ihn aufforderte, vor Gott zu treten zitterte er vor Angst.

Gott sah auf sein Leben und sprach: "Verzeiht ihm! Das wird ihm eine Lehre sein!"


Kaum eine Geschichte hat mich mehr berührt. Kaum eine Geschichte habe ich in meinen Workshops öfter erzählt.

Geschichten inspirieren uns, lassen uns die Welt verstehen und eröffnen neue Denkmuster in uns. Geschichten zeigen nicht mit dem mahnenden Finger auf uns, sondern ermöglichen, dass wir etwas ohne Schaden zu nehmen, real erleben.

In der Geschichte mit dem Rancher, werden wir von dem Ende überrascht. Zu vergeben, statt Rache auszuüben ist für fast jeden und jede von uns eine immer wiederkehrende Aufgabe. Hier wird uns vor Augen geführt, wie Vergebung wirken kann. Denn nun sind wir aufgefordert, uns in den Protagonisten hineinzuversetzen.

Oliver Lubrich, Professor der Germanistik sagt:

«Erzählungen sind Muster, Modelle, Vorbilder und wir übernehmen sie und agieren sie aus, ohne dass uns das im Einzelnen bewusst sein muss.»

Es sind die Gefühle und Emotionen, die für eine nachhaltige Speicherung im Gedächtnis sorgen. Die Geschichte mit dem Rancher ist voll von Gefühlen: Gier, Neid, Missgunst, Wut, Angst, Verzweiflung, aber auch Vergebung und Versöhnung.

Für Peter Brugger, Neurowissenschaftler sind Emotionen essenziell:

«Erstens die Emotionen innerhalb einer Geschichte, zweitens die Emotionen, die die Geschichte beim Zuhörenden hervorruft und drittens die Emotionen, die zwischen Erzählendem und Zuhörendem bestehen.»

Die Wortwahl in unseren Geschichten spielt weiters eine bedeutende Rolle. Mit ihr beeinflussen wir, wie das Erzählte interpretiert und mit welchen inneren Bildern versehen wird. Die Macher von politischen Slogans und Werbeclaims wissen um diese Tatsache Bescheid. Welche Bilder entstehen, wenn ich Ihnen von flüchtenden, hungernden Familien berichte oder von einer bedrohlichen Flüchtlingswelle?


Gerade Unternehmen können mit Geschichten sehr viel bewirken, da sie eine große Reichweite haben und viele Menschen inspirieren (oder täuschen) können. Hier zwei positive Beispiele:



Unser Gehirn unterscheidet nicht zwischen REAL Erlebten und Geschichten, die im Kopf statt finden. Wichtig dabei ist unsere Gefühlswelt. Wir möchten den Geschichten uneingeschränkt Glauben schenken. Eine Lügengeschichte zerstört unwiederbringlich das Vertrauen in der Beziehung zwischen Erzähler und Zuhörer. Intuitiv spüren wir, ob eine Geschichte authentisch, ehrlich und tiefgründig, oder oberflächlich und manipulativ ist.


Der reiche Rancher in unserer Geschichte durfte zuerst mit Abstand auf sein Leben blicken, um dann Vergebung zu erfahren. Der Verstand des Lesers wird im ersten Augenblick rebellieren: "Das ist doch völlig ungerecht!" Aber dahinter steckt eine tiefe Lehre, die den Teil in uns wach ruft, der fähig ist, bedingungslos zu lieben. Durch Vergebung und Liebe kann der Kreislauf von Täter und Opfer endgültig unterbrochen und geheilt werden.


Übernehmen wir Verantwortung!

Welche Geschichten erzähle ich im Alltag? Über mich und über andere? Das gesprochene/geschriebene Wort ist mächtig!

Welche Geschichten erzähle ich als Unternehmen? Welche als CEO, als Marketingleiter und als HR-Manager?

Welche Emotionen und Gefühle möchte ich hervorrufen?

Was ist der Sinn meiner Geschichte? Denn nur dann, wenn ich es verstehe, empathisch zu erzählen, werde ich Menschen berühren und vielleicht auch ein Teil einer besseren Welt sein.

Mehr zum empathischen Erzählen im nächsten Blogbeitrag.

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